Schritt für Schritt zur 'Bewegten Schule'

- Wer sich nicht bewegt, bleibt sitzen -

I. Zur Situation in unserer Schule

Wir sind eine voll ausgebaute Grund-, Haupt- und Realschule mit zur Zeit 2 Vorschulklassen. Die Gebäude wurden vor nunmehr 35 Jahren im Neubaugebiet Lohbrügge-Nord errichtet, heute ein Stadtteil mit sozio-kulturell benachteiligten Familien. So umfaßt unser Einzugsgebiet die Wohnunterkünfte (Übergangswohnungen) Mendelstraße 41-45, die Aussiedlerunterkünfte „Hirtenland" am Reinbeker Redder 173, die Problembereiche Otto-Schumann-Weg und Korachstraße 1-9. In der Korachstraße befindet sich auch unsere Zweigstelle mit einer weiteren Grundschule (Klassen 1-4).
Eine Vielfalt an ethnischen Gruppen und ein in den letzten Jahren immer stärker werdender Anteil von Aussiedlerkindern aus Polen, Russland und in neuester Zeit auch aus Afghanistan führt zu einem sich verändernden Gruppenverhalten und einer Erhöhung des Gewalt- und Konfliktpotentials. Dies haben wir, eine zunächst kleine Gruppe von Kollegen und Kolleginnen, vor etwas mehr als 2 Jahren erkannt. (In der Zwischenzeit ist daraus ein sehr aktiver und effektiver Ausschuss von 10 Teilnehmern geworden).

Wir wollten etwas „bewegen" und fingen an, darüber nachzudenken, wie der teilweise unkontrollierte Bewegungsdrang der Schüler in Form von Raufereien in positivere Bahnen gelenkt werden könnte.

II. Entwicklungsbericht

1.Erste entscheidende Kontakte

Wir erneuerten unsere Basketballkörbe, integrierten ein verwaistes Fußballfeld auf unserem Schulgelände in den aktiven Pausenhof und konnten so durch eine deutliche Abnahme von Streitereien und Unfallmeldungen das gesamte Kollegium von der Notwendigkeit neuer Bewegungsanreize überzeugen.

Im Rahmen eines Angebotes „Bewegte Schule = Gesunde Schule" vom Institut für Lehrerfortbildung wurde der Kontakt zum Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Hamburg hergestellt. Diese Anfangsschritte erweiterten sich im Laufe der Zeit und führten zu

2. Kompetenter Beratung von außen

Wir meldeten uns beim Hamburger Forum Spielräume e. V., wo uns von Prof. Dr. Dietrich bereitwillig und unkompliziert gedankliche Unterstützung zugesagt wurde. Wir besuchten Fortbildungsseminare, Fachvorträge und konnten Professor Dietrich für ein Referat vor unserem Lehrerkollegium gewinnen. Damit war der Bann gebrochen. Wir erhielten vom Kollegium und der Schulleitung grünes Licht für unsere geplante Umgestaltung des Schulgeländes. Es kann gar nicht oft genug erwähnt werden: Das Forum Spielräume unter Leitung von Professor Dr. Dietrich hat entscheidend zum Gelingen des Einstiegs in dieses Projekt beigetragen!

Parallel dazu wurden wir mit unserer Schule glücklicherweise in einen Modellversuch der Hamburger Schulbehörde aufgenommen. Für „Dekorative Baumaßnahmen" wurden uns für drei Jahre jeweils 25.000.- DM in Aussicht gestellt. Wir konnten also in die Planung eines Gesamtkonzeptes einsteigen, von dem wir wussten, dass es Chancen auf eine schrittweise Realisierung haben würde.

Da wir uns nicht nur theoretisch über Seminare und Referate kundig machen wollten, sondern bereits realisierte Vorhaben begutachten wollten, fuhren wir nach Norderstedt. Dort zeigte uns

Jochen Ahl vom Grünflächenamt einen von ihm geplanten und umgestalteten Schulhof. Wir gelangten dabei zu der Überzeugung, daß die Erstellung eines Gesamtplanes von entscheidender Bedeutung sein kann. Voller Tatendrang formulierten wir unsere Vorstellungen und konnten Herrn Ahl für die Erstellung eines Gesamtplanes zur Umgestaltung unseres sehr großen Schulgeländes gewinnen. Schüler- und Elternwünsche sollten dabei problemlos mit eingebaut werden können.

3. Erste gemeinsame Aktivitäten

Wir organisierten eine gemeinsame Aktion, an der Schüler, Eltern, Hausmeister und ein Großteil des Kollegiums beteiligt waren. Eine sehr schöne Sandkiste für unsere Grundschule entstand so an einem einzigen Wochenende. Bezirksamtsleiterin Frau Steinert hatte uns die Lärchenschwellen gestiftet. Das Gartenbauamt unterstützte uns durch Herrn Rünger mit dem Spielsand. Dieser wurde in mühevoller Kleinarbeit und mit sehr viel Eifer von unseren Schülern und Schülerinnen eimerweise zur Sandkiste getragen. Der angefallene Erdaushub diente uns als Grundlage für den angrenzenden Erdwall. Dieser wurde sechs Monate später in einer weiteren gemeinsamen Aktion nach fachlicher Anleitung bepflanzt.

Wir waren zu Recht sehr stolz auf unsere Ergebnisse. Außerdem war es für alle Teilnehmer eine äußerst positive Erfahrung, sich gegenseitig in „außerunterrichtlichen" Rollen kennen- bzw. schätzen zu lernen. Wir hatten viel Mut geschöpft, fühlten uns in unserem Vorhaben bestärkt und wurden, da sich die Chance ergab, mit unserem in der Zwischenzeit fertigen Gesamtplan bei Herrn Hagedorn, dem Projektleiter der Lawaetz-Stiftung des Bezirkes Bergedorf, vorstellig. Unser Vorhaben fand die erhoffte Resonanz, so daß finanzielle Mittel der Stadtentwicklungsbehörde zur Verfügung gestellt wurden. Was klein begonnen hatte, fing an, sich lawinenartig zu vergrößern. Da nun große Eile geboten war, mussten wir innerhalb sehr kurzer Zeit ein Ausschreibungsverfahren in die Wege leiten, das einen Teil unseres Gesamtprojektes abdecken würde. Dafür wählten wir den Grundschulbereich mit dem vorgesehenen Spielhügel aus. Bereits nach zwei Monaten kam im Januar 1998 die ersehnte Zusage. Die Gartenbaufirma von Deyn und Heitmann führte die Bauarbeiten in den Frühjahrsferien aus. Kollegen koordinierten dabei abwechselnd den gesamten Ablauf. Dabei erwies sich die Auswahl dieser Firma als besonderer Glücksgriff, denn kompetent, kreativ und kostengünstig wurden die Arbeiten ausgeführt. Schon kurz nach den Ferien konnten die Kinder ihren neuen Spielraum erobern. Sitzbuchten, die danach von Kollegen und einigen Schülern im angrenzenden Gelände während ihrer Freizeit angelegt wurden, rundeten diesen ersten Bauabschnitt endgültig ab.

Die Bundesanstalt für Forst- und Holzwirtschaft, insbesondere Herr Rühmann, unterstützte uns mit kostenlosen Pflanzenlieferungen. Dadurch entstand ein Arboretum , das sehenswert ist !

4. Erledigte Planabschnitte nach ungefähr 1 Jahr (Fotodokumentation)

5. Einweihung des ersten Teilprojektes

Nachdem in den Frühjahrsferien der Grundschulbereich entsprechend der Planung fertiggestellt worden war, konnten wir am 12. Juni 1998 in einer großen Einweihungsfeier unsere Arbeit der Öffentlichkeit, vor allem aber unseren Freunden und Förderern, vorstellen. Über dieses von Schülern, Eltern, Lehrern, Sportverein und Nachbarschule gemeinsam veranstaltete Ereignis schrieb die Bergedorfer Zeitung folgenden Artikel:

6. Grundüberzeugungen und Pädagogische Leitlinien

Anforderungen an das Material

Die Spielgeräte entsprechen den zu beachtenden Sicherheitsvorschriften und sollen möglichst vandalismussicher sein.

Wir handeln umweltbewusst und verwenden nur Materialien, die später problemlos abgebaut werden können und aufgrund ihrer guten Qualität dauerhaft sind.

Pädagogische Absichten

Wir wählen nur Spielgeräte aus, die von mehreren Kindern gleichzeitig genutzt werden können.

Die Anordnung der Spielgeräte soll dazu beitragen, die motorischen Grundfertigkeiten der Kinder spielerisch zu verbessern und somit auch ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl weiter zu entwickeln.
Die Verwendung von vielen Naturmaterialien (Baumstämme, Holzhäcksel, Wurzeln etc.) soll einer phantasievollen Naturgestaltung möglichst viel Raum geben, eine natürliche Atmosphäre schaffen und Freiräume für kreatives Spielen und Handeln eröffnen.

Gemeinsames Spielen und Beisammensein soll in den Pausen, in der Freizeit und in den Ferien als positive Erfahrung dienen und dazu beitragen, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern.

Die Spielgeräte sollen so positioniert sein, dass Kinder im Rahmen der „VHGS", also der „Verlässlichen Halbtagsgrundschule", und einer freien Rhythmisierung des Unterrichts auch außerhalb der Pausenzeiten spielen können, ohne andere Lerngruppen entscheidend zu stören.

Die Trennung von Bewegungs- und Ruhezonen vor dem Hintergrund einer sozialen Funktion ist sehr wichtig. Sie soll durch viele Hecken , Sträucher, Blumen und Pflanzen erreicht werden und durch deren Anordnung „deeskalierend" wirken. Überschneidungen unterschiedlicher Interessen sollen möglichst vermieden werden.

Wir beziehen Kinder, Eltern und Hausmeister so weit wie möglich in die Planung und Gestaltung mit ein. Dies ist für einen intensiven Identifikationsprozess von entscheidender Bedeutung.

III. Resümee und Ausblick

All unsere positiven Erfahrungen und Erlebnisse bestärken uns, den eingeschlagenen Weg fortzuführen und um weitere Unterstützung zu werben, damit die Umgestaltung unseres Schulgeländes weitergeführt werden kann. Aus heutiger Sicht zählt nur noch das Ergebnis unserer Arbeit. Es soll jedoch keineswegs verschwiegen werden, dass der Weg, der hinter uns liegt, bisweilen sehr schwierig war und wir vorher nie geahnt hatten, wie viel Arbeit und Engagement notwendig sein würden. Um Enttäuschungen möglichst gering zu halten, möchten wir noch einige Anregungen geben:


Derzeitige Aktivitäten ...

Eine weitere großzügige und wirkungsvolle Unterstützung erfahren wir seit August 1998 durch den bezirklichen Beschäftigungsträger "Sprungbrett e.V." mit dem Projekt "Stadtgrün". Frau Dr. Stöckl, Herr Emmenthal, Herr Wright und seine Mitarbeiter stehen mit Rat und Tat zur Verfügung. Es entstehen zur Zeit 2 größere Sitzbereiche im Außengelände, die umfangreiche Erd- und Pflasterarbeiten mit sich bringen.

SCHÜLERBETEILIGUNG IN DER PLANUNGSPHASE

(Hier die Ergebnisse der Schülerbefragungen in bezug auf gewünschte Geräte)

Abstimmung der 5. und 6. Klassen

Gerät

Abgegebene Stimmen

Außentrampolin

71

Tunnelrutsche

66

Sitzecken/Lümmelbänke

44

Büsche zum Verstecken

36

Drehscheibe

29

Torwand

25

Hügellandschaft

25

Schaukeln

22

Merkballspielfeld

22

Free-Climbing

19

Klettermöglichkeiten

16

Turnreck

16

Volleyballfeld

16

Wippen

12

Hecken + Sitzgelegenheiten

11

Sitzpoller

11

Ballkörbe

10

Hangelseile

8

Fußballfeld

6

 

Ergebnis der Abstimmung Schulhof Oberstufe

Wunsch

Gesamtplatz

aller Stimmen

Platz bei Mädchen

Platz bei Jungen

Zweiter Streetballständer

1

3

1

eingelassenes Bodentrampolin

2

6

2

Rampe für Inline-Skater

3

5

5

Sitz-Lümmelbänke

3

1

10

Tennisfeld

5

6

4

Rauchereckenüberdachung

5

1

12

zweites Volleyballfeld

7

4

13

Fahrradständerüberdachung

7

15

3

Free-climb Anlage

9

12

5

Kleinfeld Hockeyanlage

10

10

8

Roller Blade Bahn ( eben u. hügelig )

11

10

9

Sitzpoller, Baumstämme, Klönecken

12

9

17

große Aschenbecherkübel

13

6

20

zweites Kleinfußballfeld

13

19

7

Seitenstreifen unterpflanzen

15

13

14

Badmintonfeld

15

13

14

mehr Mülleimer

17

17

10

Anpflanzung zur Straße

18

16

17

Einfassung des Schulhofes mit Baumstämmen

19

18

19

Speakers-Corner

20

20

21

Pausenschach

20

21

16

Stand: Oktober 1998


1. Nachtrag November 1999

Inzwischen sind die beiden großen Sitzbereiche an der Pausenhalle fertiggestellt und finden großen Zuspruch bei den Schülern. Rhododendren, Kirschlorbeer und Schmetterlingssträucher sind ein idealer blühender Sichtschutz.
Auch an anderen Ecken unseres Schulhofes haben die Mitarbeiter von Stadtgrün gearbeitet und Ideen eingebracht.

So sind die Buchten an der Turnhalle endlich fertiggestellt. Baumstämme als Sitze und Tische laden als Ruhezonen zum Beobachten des bunten Treibens auf dem Schulhof der Grundschule ein. Anpflanzungen, zunächst noch durch Holzzäune geschützt, geben diesen Räumen im Sommer ein besonderes Flair. Forsythien, Weigelien, Deutzien und Jasmin entfalten ihre Blütenpracht.

Zum Eingangsbereich der Turnhalle wurde eine neue Abgrenzung gesetzt, die als Sitz- und Balanciergelegenheit genutzt wird. Dadurch bietet dieser bisher sehr vernachlässigte Bereich ein freundliches und einladendes Bild.

Sämtliche Mauern im Bereich der Wabenbauten wurden gesäubert, isoliert, mit Holzbohlen versehen, so dass auch hier weitere Sitz- und Balanciermöglichkeiten gegeben sind.

Im Innenhofbereich des Kreuzbaus ist ein gemütlicher Platz zum Klönen entstanden. Anpflanzungen, Sitzgruppen aus Lärchenschwellen und Baumstämmen laden hier insbesondere die Oberstufenschüler zum Verweilen ein.

Intensive Arbeit war erforderlich, um unseren Sportplatzbereich wieder „in Form" zu bringen. Zunächst mussten wildwuchernde Sträucher auf einer Länge von ca. 100 Metern und einer Breite von ca. 10 Metern abgeholzt und gehäckselt werden. Die Rasenfläche wurde um ca. 200 Quadratmeter durch Neueinsaat erweitert. Sprunggrube mit Anlaufbahn, die 75m-Laufbahn wurden vom störenden seitlichen Wildwuchs befreit und teilweise neu eingeebnet.

Auf dem parallel zum Sportplatz verlaufenden öffentlichen Durchgangsweg wurde sämtliches störende Dornengestrüpp beseitigt.

Herr Dittmer, unser Polizeiverkehrslehrer, hat mit einer Gruppe von Schülern in einem dreitägigen Projekt auf dem Grundschulhof einen neuen Verkehrsgarten aufgezeichnet, so dass in Zukunft der Verkehrsunterricht für unsere Grundschüler in ihrem Bereich stattfinden kann.

Die von uns beim Hamburger Sportbund über die Aktion „Körbe für Kids" beantragten und von der AOK gesponserten Basketballanlagen sind inzwischen eingebaut, zwei für die Grundschüler und eine für den Bereich der Oberstufe. Sie erfreuen sich allesamt großer Beliebtheit.


Mitglieder des Schulhofausschusses:

Sybille Goldenbaum, Helmut Heyen, Birgit Jahn, Eleonore Kraus, Bruno Mittelberger, Ina Ringe, Margot Röhrborn, Martin Tetzlaff.

Mediale Unterstützung: Jürgen Tiburtius

Stand: Januar 2000

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