Spielerisch sich ausdrücken lernen, spielfreudig vortragen und vor vielen Menschen stehen können, im Spiel sich in
andere Personen und Denkweisen hineinversetzen,
Selbstbewusstsein spielend ergreifen. Alles wird im Spiel erlernt oder darin umgesetzt! Und es macht meistens sogar Spaß!
LAMPENFIEBER
Das Ende eines Schuljahres an der GSW ist in Sicht. Lehrer und Schüler sind teilweise erschöpft und müde. Aber an einem
Ort
der Schule ist von Müdigkeit nichts zu erkennen.
Abends um 19.00 Uhr herrscht in der Nähe der Aula hektisches Treiben. An den Scheinwerfern werden letzte Korrekturen
eingestellt, der Zuschauerraum wird noch einmal inspiziert - kann man auch von allen Plätzen gut sehen? Jemand prüft,
ob alle benötigten Cds und Kassetten bereitliegen.
Vor allem aber schwirren 16 aufgeregte Schülerinnen und Schüler durch die Räume, die vor Lampenfieber zu zerplatzen
scheinen:
- - "Ich habe Bauchschmerzen."
- - "Wo ist mein roter Schal für die erste Szene?"
- - "Mir ist so schlecht, ich geh´ nochmal aufs Klo."
- - "Hoffentlich kommt meine Freundin!"
- - "Ich habe meinen Text vergessen."
- - "Soll ich jetzt auftreten wenn die Musik noch läuft, oder erst, wenn sie aus ist?"
- - "Ich bin noch nicht geschminkt."
- - "Ich glaub, ich kipp gleich um."
Ein Jahr lang haben die Schülerinnen und Schüler im Fach "Darstellendes Spiel" auf diesen Tag hingearbeitet. Zwei
Stunden in der Woche mussten sie nicht auf ihren Stühlen sitzen und Mathe, Deutsch, Englisch und Politik pauken.
In diesen Stunden haben sie Theatertechniken gelernt, haben Erfahrungen damit gemacht, wie man sich mit seinem Körper,
der Stimme, mit tänzerischen Elementen und Bewegung und vor allem mit seiner Fantasie ausdrücken kann.
Im Laufe des Unterrichts sind dann Ideen für ein Theaterstück entstanden, sie haben viele dieser Ideen ausprobiert
und sich schließlich für eine davon entschieden.
Nun hieß es, konkret werden. Welche Geschichte wollen wir erzählen? Welche gestalterischen Mittel wollen wir einsetzen?
Was ist mit Requisiten, wie benutzen wir die Bühne? Fragen über Fragen, die sie im Laufe des Prozesses, in dem das Stück
entstand, klären mussten.
Mehr und mehr verdichtete sich das Theaterstück, das anfangs aus vielen kleinen Puzzleteilchen bestand, zu einem Ganzen.
Die grobe Idee wurde zu einer runden Geschichte, die einen Anfang und ein Ende bekam, und die sich in einzelne Szenen
gliedern ließ, die einen dramatischen Spannungsbogen ergaben.
Dann ging es an die Feinarbeit. Die darstellerischen Fähigkeiten, der Ausdruck, die spielerische Dynamik mussten an vielen
Stellen verbessert werden, der Ablauf musste einwandfrei klappen, die Einsätze stimmen, die Texte laut und deutlich bis
in den letzten Winkel zu verstehen sein. Auch hinter der Bühne, im Off, musste absolute Ordnung herrschen. Alle Requisiten und Kostümteile bekamen ihren festgelegten Platz, an dem man sie, wenn es ernst wird, sofort griffbereit hatte.
Es war also ein ganz hartes Stück Arbeit bis zu diesem Abend, an dem alles, was über Monate geprobt wurde, endlich einem
Publikum präsentiert werden kann.
Werden die Leute unser Stück verstehen? Vergesse ich meinen Auftritt oder meinen Text auch nicht? Hoffentlich kann ich
den einen Tanzschritt, bei dem ich immer zu früh drehe, heute fehlerfrei! Nach der Mädchenszene muss ich mich ganz schnell
umziehen. Liegen die Sachen auch da, wo ich sie finden muss? Hoffentlich kriegen wir viel Applaus!
All diese Fragen bewegen an diesem Abend der Aufführung die Spielerinnen und Spieler. Sie bekommen vor Aufregung keine
Luft, sie möchten am liebsten weit, weit weglaufen. Aber wenn die Lampen angehen und es kein Zurück gibt, dann ist die
Angst vorbei. Dann laufen alle zu ihrer Höchstform auf, dann sind sie hellwach, weil einfach alles funktionieren muss.
Und am Ende? Ja, am Ende gibt es Applaus - da fällt der ganze Stress der harten Probenzeit von ihnen ab, und es stellt
sich ein Glücksgefühl ein, das man vorher nicht gekannt hat. Aber das Tollste ist: alle sind am Ende ein Stückchen
selbstbewusster geworden, denn im Rampenlicht zu stehen, das macht stark!
Sigrid Einstein