Ines Boban

Ein(-)Blick in die Praxis 'der Integration' in der Sekundarstufe I

am Beispiel einer Schülerin der Gesamtschule Winterhude in Hamburg

Hamburg zum Beispiel

In Hamburg sind - nach anfänglichen Schwierigkeiten bei einigen Standorten - alle Eltern und Kinder, die in der Grundschule Integrationsklassen besuchen, in der glücklichen Lage, auch eine Fortsetzung dieser Klassen in der Sekundarstufe I leben zu können. Am Beginn der Sek I - Entwicklung wollte die Schulsenatorin Rosemarie Raab zunächst erst einmal im Rahmen eines kleinen, intensiv begleiteten Schulversuchs Erfahrungen mit Integrationsklassen in der Sekundarstufe I machen - dies wird vielen aus anderen Bundesländern bekannt vorkommen - , jedoch gab sie nach Protesten von Eltern und bereits dort tätigen PädagogInnen nach und ließ für alle Integrationsklassen der Grundschule eine Fortsetzung in der Sek I zu. Damit verfügt Hamburg wohl über die breitesten Erfahrungen mit der Integration in der Sek I, zumal es hier auch keine prinzipielle Ausgrenzung bestimmter Kinder gibt. Wichtige Erfahrungen dieser Entwicklung sind von der Wissenschaftlichen Begleitung dokumentiert und veröffentlicht worden (vgl. Schley, Boban & Hinz 1992, Schley & Köbberling 1994), eine kurze Zusammenfassung liegt in einer von der Schulbehörde herausgegebenen Broschüre vor (vgl. Hinz & Köbberling 1994).

Rike zum Beispiel

Ungezählte Male ist nun schon über Rike berichtet worden; es ist wohl die Tatsache, daß sie ein Mädchen mit Down-Syndrom ist, die uns immer wieder auf sie blicken und an ihrem Weg durch die allgemeine Schule aufzeigen läßt, welche Effekte eine integrative Beschulung haben kann. Nun hat sie die Gesamtschule nach dem zehnten Schuljahr verlassen und nimmt an einem berufsorientierendem Förderlehrgang teil, und so können wir hier einen richtigen kleinen, quasi abschließenden Rückblick auf ihre 'Winterhuder Zeit' versuchen.

Was bietet sich hierfür besser an als die Worte, die ihr PädagogInnenteam für sie, für ihr Abgangszeugnis fanden, das zugleich einem gemeinsamen Bilanzierungsversuch gleichkommt. Neben der sehr persönlichen Beschreibung, die Rikes 'Sosein' spiegelt und Entwicklungen aufzeigt, sind hierin immanent die Themen, Methoden und Wertungen enthalten, die in dieser Integrationsklasse eine Rolle spielten. Auch Rikes Stellung in der SchülerInnengruppe und deren soziales Gefüge deutet sich an und wird herauslesbar. Darüberhinaus wird auf diese Weise zugleich transportiert, wie unter den veränderten Bedingungen und Gewichtungen durch das Anliegen der Integration (Abgangs-)Zeugnisse aussehen können. Rikes Eltern hatten jedenfalls echtes Mitgefühl mit all denen, die lediglich 'A- oder B-Noten' (A = Grundanforderungen entsprechend, B = erweiterten Anforderungen entsprechend in Bezug auf die Vorgaben in den Lehrplänen bemessen) auf ihrem Formular vorfanden. Bei Rike finden sich neben dem Text manchmal auch solche Kürzel, wenn ihre Leistungen im Rahmen der Lerngruppe lagen und entsprechende waren. Außerdem gibt es noch * Stern-Noten, die im individuellen Maßstab, also ausgehend von Rikes Leistungsvermögen bewerten, was sie im entsprechenden Fach zuwege brachte. Mischung muß sein!

Das wichtigste ist wohl, daß hier kein Vermerk zu finden ist, der etwa behauptete, daß Rike nach den Richtlinien der Schule für Geistigbehinderte unterrichtet worden sei, wie es etwa im Saarland vorgeschrieben ist. Nein, sie ist nicht nach irgendwelchen Richtlinien unterrichtet worden - sie hat eine Integrationsklasse besucht und wir haben mit sicherlich unterschiedlich zu beurteilendem Erfolg versucht, allen SchülerInnen dieser Klasse gerecht zu werden. Gut, diese Vorbemerkungen mögen für's erste genügen, um nun Rikes Zeugnis mit hoffentlich gebührendem Respekt vor dieser starken Schülerin zu lesen.

Liebe Rike,

Dieses Zeugnis wurde u.a. geschrieben von Gudrun Dollmann, Gabriele Kandzora, Inke Meiries und Johanna Mohr.

Nachklang

Wenn Sie Lust haben, noch mehr über die Stationen von Rikes Entwicklungsweg in der Gesamtschule Winterhude zu erfahren, dann könnten Sie dies durch die Lektüre des Artikels "Gemeinsames Leben und lernen in der Sek I" (Boban 1995) in der Zeitschrift "Lernen konkret" tun. Über die ersten beiden Jahre mit "Neuen Verhältnissen" finden Sie im ersten Zwischenbericht der Wissenschaftlichen Begleitung einen Text, in dem auch Rike - wenngleich als Gesa - auftaucht (Boban 1992). Vielleicht sind Sie jetzt neugierig geworden, wer denn die Künstlergruppe 'Die Schlumper' sind, dann empfehle ich ihnen z.B. den Artikel "Künstler als Beruf" (Brose 1994). Oder sie wüßten gern genaueres über Rikes soziale Situation, die phasenweise krisenhafte Züge der Isolation trug. Dann bitte ich Sie, den Artikel, der mit dem Zitat von ihr "Ich fühle mich einsam und elend!" überschrieben ist (Boban & Matthies 1994), in der Broschüre "Die Schere geht auseinander" zu lesen. Dort ist auch beschrieben, wie wir Rikes Signale verstanden haben und daraufhin re-/agierten. Das Interview, auf dem der Artikel basiert, ist auch in einem Tagungsbericht enthalten (Boban 1994).

An dieser Stelle möchte ich zum Ausdruck bringen, wie unschätzbar wertvoll die Aussage eines jungen Mannes, eines Mitschülers von Uli Roebke aus Bonn, beim Berliner Bundeselterntreffen hier für mich war. Er hatte mich schon während des Plenums beeindruckt, als er ans Mikrophon ging und ungefähr so etwa sagte: "Ich habe hier immer wieder gehört, daß die behinderten Kinder ein Recht darauf hätten, mit ihren nichtbehinderten gleichaltrigen Nachbarskindern zur Schule zu gehen. Leider habe ich hier noch gar nichts davon gehört, daß auch nichtbehinderte Kinder ein Recht darauf haben, mit den behinderten Kinder ihrer Nachbarschaft gemeinsam zur Schule zu gehen. Ich möchte jedenfalls nicht auf meine Zeit mit Uli (ebenfallls ein Junge mit Down-Syndrom, I.B.) verzichtet haben!" Und in der Arbeitsgruppe zur Praxis der Integrationsklassen in den Sekundarstufen der Gesamtschulen konnte er sich differenziert zu vielen Phänomenen und Problemen äußern (wir brauchen mehr von solchen Gesprächspartnern in entsprechenden AGs, sind sie es doch, die am eigenen Leibe erfahren haben, was der Effekt ist von dem, was wir - Eltern und PädagogInnen - mit besten integrativen Absichten auch an Übertreibungen verzapften ...).

Das bedeutsamste des Bundeselterntreffens in Berlin aber war für mich seine folgende Schilde rung, die ich natürlich nur im ungefähren Wortlaut wiedergeben kann: "Ich hab ja eigentlich schon immer mit Uli zusammengelebt, aber dann kam so'ne Zeit - ich glaub' ungefähr so ab Klasse sieben, da wollte ich einfach nicht mehr mit ihm gesehen werden. Ich wußte, Du kannst nicht mit ihm zusammen im Schwimmbad auftauchen, dann bist Du bei den anderen Typen da unten durch. Ulis Mutter hat mich gefragt, wieso und warum und sogar geweint, daß ich ihn nicht mehr wie früher mitnehme. Ich hab irgendwann mitgeheult, aber mitnehmen mochte ich ihn trotzdem nicht ... Die Phase hat so ungefähr zwei oder drei Jahre gedauert, bis ich endlich kapierte, daß die Typen, bei denen ich wegen Uli unten durch gewesen wäre, sowieso keine Freunde für mich waren!"

Diese Schilderung hat mich durch die Durststrecke der Abgrenzungsdominanz unter meinen SchülerInnen hindurch genährt - DANKE!

Literatur

Boban, Ines: Neue Verhältnisse. In: Schley, Boban & Hinz 1992, 213-222

Boban, Ines: 'I have to change a little bit, I suppose'. In: De Witt-Gosker, Trijntje (Ed.): All together (k)now. Utrecht: Seminarium voor Orthopedagogiek 1994, 70-78

Boban, Ines: Gemeinsames Leben und Lernen in der Sekundarstufe I. Lernen konret 14, H.1 1995 (in Vorbereitung)

Boban, Ines & Matthies, Irene: "Ich fühl mich einsam und elend" - Identitätskrise in der Pubertät. In: Arbeitsstelle Integration der Universität Hamburg (Hrsg.): Die Schere geht auseinander. Integrative Prozesse in Integrationsklassen der Sek I. Bericht vom Fachtag im Mai 1994. Hamburg: Universität 1994, 25-30

Brose, Susanne: Künstler als Beruf. Das Band 25, 1994, H.2, 15-18

Hinz, Andreas & Köbberling, Almut (Redaktion): Integrationsklassen in Hamburg. Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung 19942

Schley, Wilfried, Boban, Ines & Hinz, Andreas (Hrsg.): Integrationsklassen in Hamburger Gesamtschulen. Erste Schritte zur Integrationspädagogik im Sekundarstufenbereich. Hamburg: Curio 19922

Schley, Wilfried & Köbberling, Almut: Integration in der Sekundarstufe. Erfahrungsschritte, Problemfelder und Entwicklungsrichtungen in Hamburger Schulen mit Integrationsklassen. Hamburg: Curio 1994

Ines Boban

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