Powerfrau stürmt Männerdomäne

Jahrgangsbeste der Berufsfachschule Technische Assitenz für Informatik in Wilhelmsburg ist eine Frau

Von Johanna R.Wöhlke aus dem Hamburger Abendblatt / Harburger Rundschau 21./22. Juli 2001 S.6


Foto: Die Jahrgangsbeste Lorna Slawski zwischen G18 Schulleiter Dietmar Richter (rechts) und Edgar Landsiedel, dem Leiter der Berufsfachschule Technische Assistenz für Informatik. Links außen der Klassenlehrer Albrecht Wähner. (Foto: J.R.Wöhlke)

Wilhelmsburg - Die Powerfrau aus Wilhelmsburg heißt Lorna Slawski: Der beste "Staatlich geprüfte "Technische Assistent für Informatik"" des Jahrgangs 2001 ist eine Frau: 22 Jahre alt, schmal und zierlich mit viel Charme, dunklen Haaren und wachen braunen Augen hat sie sich in einer Männerdomäne behauptet. Von den 73 Schülern aus drei Klassen, darunter nur fünf Mädchen, bestanden 9 die Prüfung nicht. Acht wiederholen das Jahr und einer ging ab.

Glücklich nahm Lorna Slawski das Zeugnis von Dietmar Richter, Schulleiter der Staatlichen Gewerbeschule in Wilhelmsburg (G18), entgegen. Ihr Zensurenschnitt von 1,6 ergibt sich so: Technische Informatik: sehr gut, Betriebssysteme und Netzwerke: befriedigend, Installations- und Montagetechnik: gut, Betriebsorganisation und Geschäftsprozesse: gut, Fachenglisch: sehr gut, Sprache und Kommunikation: sehr gut, Wirtschaft und Gesellschaft: sehr gut, Sport: gut.

Damit ist zugleich auch das Ausbildungsfeld für die jungen Technischen Assistenten und Assistentinnen für Informatik beschrieben. Eine zweijährige Ausbildung, die die Absolventen dazu befähigen soll, im mittelständischen und industriellen Bereich in elektronischen Datenverarbeitungsanlagen hard- und softwareseitig Lösungen zu erstellen und an ihnen mitzuwirken.

Was vor 15 Jahren mit einer Klasse als Modellversuch begann, platzt heute aus allen Nähten. Für das kommende Jahr haben sich 700 Schüler angemeldet, im vergangen waren es noch knapp über 500. Die Schüler werden abhängig von der Postleitzahl ihres Wohnortes auf fünf Schulen in Hamburg verteilt. Eine davon ist die G18, die Staatliche Gewerbeschule Informations- und Elektrotechnik, Chemie- und Automatisierungstechnik in der Dratelnstraße in Wilhelmsburg, an der alles begann.

Lorna Slawski hätte auch schon vor 15 Jahren keine Schwierigkeiten gehabt, diese Ausbildung zu beginnen, denn sie ist Abiturientin. Erst seit 1995 nimmt die Schule auch Realschüler bis zu einem Notendurchschnitt von 3,5 auf, dabei wird die Sportnote nicht berücksichtigt. Seither explodieren die Anmeldungszahlen. Etwa ein Viertel der Schüler allerdings verlassen die Schule nach dem Probehalbjahr. Am Ende haben es nur etwa die Hälfte der angemeldeten Schüler geschafft.

Edgar Landsiedel, seit 1998 an der G18 Leiter der Berufsfachschule Technische Assistenz für Informatik, ist das kreative Urgestein der Entwicklung und Entfaltung dieses Ausbildungsweges in Wilhelmsburg. In der Entwicklung dieses Ausbildungsweges dokumentiert sich der rasante Erfolgsweg der Computersysteme.

Als vor 15 Jahren Fachkräfte gesucht wurden mit Kenntnissen an der Schnittstelle zwischen Hard- und Software wurde immer klarer: Wir brauchen Informatiker, da begann für Landsiedel der dauernde Prozess, die Ausbildung peu à peu den Erfordernissen des Arbeitsmarktes und der technischen Entwicklung anzupassen.

Ein hartes Brot, bei dem es nur mit dem Enthusiasmus geht, den Landsiedel umschreibt mit "es muss im Herzen brennen", bei den Schülern und bei den Lehrern. Denn die große Herausforderung ist immer wieder, die Qualifikation der Berufsschullehrer am Stand der Entwicklung zu halten und den Schülern damit modernstes Wissen zu vermitteln. Die Schüler sind ebenfalls gefordert, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten und ihr Engagement für dieses Wissensgebiet nicht nur auf die Schulzeit zu beschränken.

Landsiedel: "Durch die ständige starke Veränderung der Technik wird sofort einsichtig, dass das reine Faktenwissen schnell veraltet. Nicht die Inhalte sind das Wichtigste der Ausbildung, sondern die Qualifikationen, das Verhalten, in Teamarbeit mit den Systemen produktiv umzugehen und diese fortlaufend zu verändern."

G18-Schulleiter Dietmar Richter fühlt sich dabei von der Behörde gut unterstützt: "Die Behörde leistet dazu erhebliche Anstrengungen." Allerdings zeigt sich mit der zunehmenden Anzahl von Schülern auch ein Mangel an Berufsschullehrern. Für diesen vielseitigen Beruf mit Zukunft wirbt die Schulbehörde seit Monaten bei Abiturienten und Fachhochschulen. Abhilfe soll zukünftig auch durch Seiteneinsteiger in diesen Beruf geschaffen werden.

Richter weist auch darauf hin, dass die zweijährige Schulausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik parallel besteht zu der Ausbildung informationstechnischer Berufe im dualen System, die es seit 1997 bundesweit gibt. Sie wurde auch durch die Kollegen der G18 maßgeblich mit entwickelt. 
Die Ausbildung, begleitet vom Berufsschulunterricht, zeichne sich durch Betriebs- und Praxisnähe aus, die in der rein schulischen Ausbildung in diesem Maße nicht gegeben sei und werde deshalb von der Schule auch vorrangig empfohlen. Richter: "Auch die Handelskammer unternimmt große Anstrengungen, für Ausbildungsplätze im informationstechnischen Bereich zu sorgen."

Die Praxisnähe ist es, die auch Edgar Landsiedel immer mehr in den Unterricht einbauen will. Im Projekt "Wir bauen ein PC Labor" haben die Schüler seit 1995 von den Investitionsmitteln der eigenen Schule sowie befreundeter Schulen Datennetze installiert, PC's montiert und die Kollegen in die Netzbetreuung eingewiesen. Dort arbeiten die Schüler in Echtsituation. Landsiedel: "Es darf nichts verkehrt gehen." Damit auch alles klappt muß die Organisation stimmen: Die Projekte werden von Werner Herrmann und eine Reihe anderer fachlich versierter Kollegen professionell koordiniert .

Lorna Slawski jedenfalls scheint unter anderem in dieser "Echtsituation" viel gelernt zu haben. Die Neugierde darauf, ob sie diese Ausbildung überhaupt schaffen könne, hatte sie dazu gebracht. "Die Ausbildung hat mir viel Selbstvertrauen gegeben", meint sie heute. So viel, dass sie im Herbst an der Universität Hamburg anfangen wird, Informatik zu studieren und nebenbei in ihrem Beruf jobbt. Erst einmal geht es aber bis zum Studienbeginn zu ihrem Bruder nach Brasilien. Darauf gespart hat sie schon. Begleiten wird sie dabei das Uli-Stein-Notebook, das sie als Jahrgangsbeste als Geschenk der Schule entgegen nehmen konnte.