Die Zirkulation der gemäßigten Breiten


 1.  Allgemeine Zirkulation:

Der mittlere großräumige Strömungsverlauf in der Atmosphäre wird als „Allgemeine Zirkulation“ bezeichnet. Den Antriebsmotor dafür bildet die unterschiedliche Strahlungsbilanz der verschiedenen Breiten. Wegen Überwiegens der Einstrahlung ergibt sich zwischen Äquator und 40° Breite ein Wärmeüberschuss, wegen Überwiegens der Ausstrahlung in den Breiten polwärts davon ein Wärmedefizit. Es sind offensichtlich großräumige Transportprozesse wirksam, die soviel Wärme von den Überschuss- zu den Defizitgebieten transportieren, dass die Mitteltemperaturen konstant bleiben.
Die einfachste Form eines derartigen Wärmetransports wäre eine thermisch direkte Zirkulation, bei der die warme Luft aufsteigt und in der Höhe zur Kältequelle strömt, während die kalte Luft absinkt und in Bodennähe zur Wärmequelle strömt. Auf der rotierenden Erde wird diese Zirkulation allerdings durch die Corioliskraft beeinflusst. Sie bewirkt eine seitliche Ablenkung aller Bewegungen, und zwar nach rechts auf der Nordhalbkugel, nach links auf der Südhalbkugel. Als Folge davon ist eine durchgehende Zirkulation zwischen Äquator und Pol nicht möglich. Deshalb findet man nur in den niederen Breiten, wo die Corioliskraft schwach ist, eine großräumige thermische Zirkulation wie oben beschrieben. Polwärts von etwa 30° Breite erfolgen die notwendigen Wärmetransporte dagegen durch einen anderen Mechanismus, nämlich durch die Meridionalbewegungen an den Flanken der Zyklonen und Antizyklonen der Westwindzone (siehe ganz unten, Bild 6!).

 

2.  Beziehungen zwischen Druck-, Strömungs- und Temperaturverteilung:

Zum Verständnis der Vorgänge innerhalb der Zirkulation der gemäßigten und hohen Breiten ist es notwendig, die prinzipiellen Beziehungen zwischen Druck-, Strömungs- und Temperaturverteilung zu kennen.
Aus Luftdruckunterschieden in der Horizontalen resultiert eine Kraft, die Druckgradientkraft, unter deren Wirkung die Luftpartikel eine Bewegung quer zu den lsobaren vom hohen zum tiefen Druck beginnen. Diese Bewegung wird durch die Corioliskraft abgelenkt. Nach einiger Zeit stellt sich ein Gleichgewicht zwischen beiden Kräften ein: Die Luft strömt dann parallel zu den Isobaren, auf der Nordhalbkugel mit dem tieferen Druck zur Linken, wenn man in Windrichtung blickt (geostrophisches Gleichgewicht). Die Windgeschwindigkeit ist dabei dem Druckgefälle direkt proportional und außerdem noch von der Breite abhängig. Entsprechend dieser Beziehung werden auf der Nordhalbkugel Tiefdruckgebiete gegen den Uhrzeigersinn (zyklonal) und Hochdruckgebiete im Uhrzeigersinn (antizyklonal) umströmt. Auf der Südhalbkugel ist es umgekehrt.
In Bodennähe kommt noch die Wirkung der Reibungskraft hinzu. Sie verursacht eine Abbremsung der Geschwindigkeit und eine Ablenkung der Windrichtung gegen die Isobarenrichtung um 10 bis 40° zum tieferen Druck. Daraus resultiert ein Einströmen ins Tief und ein Ausströmen aus dem Hoch.
 
Zu der mittleren Druckverteilung in Bodennähe mit einem Hochdruckgürtel bei 30° Breite, einer Tiefdruckfurche bei 60° Breite und hohem Druck in Polnähe gehören im Gleichgewicht somit westliche Winde zwischen 30° und 60° Breite und östliche Winde polwärts davon. Die Temperatur der Luft nimmt im Mittel vom subtropischen Hochdruckgürtel zum Pol hin ab. Allerdings ist die Abnahme nicht kontinuierlich. Das größte Temperaturgefälle findet man in einer schmalen Zone, der „Polarfront“, deren Breite zwischen 50 und 500 km variiert und deren Position im Jahresverlauf zwischen 40° und 60° N schwankt. Die kalte Luft nördlich davon nennt man Polarluft, die warme Luft südlich davon Subtropikluft.
Da in warmer Luft der Luftdruck langsamer mit der Höhe abnimmt als in kalter Luft, verändert sich die oben geschilderte bodennahe Druckverteilung in der Vertikalen. Betrachtet man die Verhältnisse in etwa 10 km Höhe, so findet man den höchsten Druck über dem Äquator, ein Tiefdruckgebiet über dem Pol und dazwischen westliche Winde mit z. T. hoher Geschwindigkeit. Dort, wo das horizontale Temperaturgefälle am größten ist, im Bereich der Polarfront, ergibt sich in der Höhe das größte Druckgefälle und damit verbunden das Windmaximum des Polarfront-Strahlstroms mit Werten um 200 km/h.
 

3.  Entwicklung von Tiefdruckgebieten und von Hochdruckgebieten:

Bei überwiegend zonaler Strömung wächst der meridionale Temperaturgegensatz quer zur Polarfront immer mehr an. Dadurch wird die Front instabil und es kommt zu Vorstößen von warmer Subtropikluft nach Norden und von kalter Polarluft nach Süden. Sie sind verbunden mit der Entwicklung von Tiefdruck- und von Hochdruckgebieten, die entlang der Polarfront nach Osten wandern. Dabei finden gleichzeitig großräumige Vertikalbewegungen statt.
Charakteristisch ist, dass die nach Norden vorstoßende Subtropikluft gleichzeitig gehoben wird, so dass in ihr ein umfangreicher und hochreichender Wolkenschirm entsteht, aus dem länger anhaltende Niederschläge (Regen, Schnee) fallen. In der Polarluft können sich Quellwolken mit Schauern bilden, doch insgesamt befindet sich diese nach Süden vordringende Luftmasse in einer Absinkbewegung, die zu rascher Wolkenauflösung und Wetterbesserung führt. Als Folge der Vertikalbewegungen muss der Raum, den die Subtropikluft in Bodennähe einnimmt, horizontal schrumpfen, während sich die Polarluft immer mehr ausbreitet. Dadurch verlagert sich die Kaltfront des Tiefs schneller als die vorlaufende Warmfront und holt diese schließlich ein. Es entsteht die Okklusionsfront, über der nur noch in der Höhe Warmluft vorhanden ist. Aus den Vertikalbewegungen - Heben der wärmeren, Absinken der kälteren Luft - ergibt sich die kinetische Energie für die im Laufe der Entwicklung immer stärker werdende zyklonale und antizyklonale Rotation der Luftpartikel. Die Entwicklung endet, wenn die warme Luft vollständig gehoben ist und die kalte Luft sich in Bodennähe ausgebreitet hat. Dieser Vorgang wird sichtbar am fortschreitenden Okklusionsprozess.
 

4.  Mechanismus des Wärmeaustauschs innerhalb der außertropischen Zirkulation:

Man sieht, dass sich durch die südlichen und die nördlichen Winde an den Flanken der wandernden Druckgebilde ein Mechanismus ergibt, Luft von den Wärmeüberschuss- zu den -defizitge-bieten zu transportieren und umgekehrt. Die meridionalen Bewegungen, die in der mittleren Verteilung überhaupt nicht sichtbar werden, sind also besonders wichtig für die Zirkulation in unseren Breiten (siehe ganz unten, Bild 6!).
Charakteristisch ist dabei ein steter, mehr oder weniger periodischer Wechsel zwischen Phasen, bei denen die Druckgebilde relativ klein bleiben und sich rasch verlagern, so dass die meridionalen Wärmetransporte gering sind und der Temperaturkontrast anwächst, und Phasen, bei denen sich - über die Nordhalbkugel verteilt - vier oder fünf große Zyklonen und Antizyklonen entwickeln, die nur noch langsam wandern oder ortsfest bleiben, so dass zwischen ihnen im breiten Strom die Subtropikluft bis in polnahe Gebiete und die Polarluft bis zu den Subtropen vordringen kann und damit der geforderte Austausch erfolgt. Daraus resultiert der von den Jahreszeiten unabhängige wechselhafte Charakter der Witterung in unseren Breiten.

Quelle: Beiheft zum Film "Die Zirkulation der gemäßigten Breiten" (32 03601)


Abbildungen und weitere Erläuterungen zur Zirkulation der gemäßten Breiten:

Lebenslauf einer Zyklone

Wetterablauf beim Durchzug einer Zyklone (Tiefdruckgebiet).

Da Westwinde in Mitteleuropa vorherrschen, bestimmen die von Westen, vom Atlantik her auf den Kontinent ziehenden Zyklonen unser Wetter entscheidend. Die Zyklonen bilden sich beim Aufeinandertreffen von polarer Kaltluft und tropisch-subtropischer Warmluft an der Polarfront, die auch als "planetarische Frontalzone" bezeichnet wird. Auf bestimmten Zugstraßen wandern sie nach Osten.  
Die umlaufenden Winde einer Zyklone be­wirken an deren Rückseite ein Vordringen von Kaltluft in den südlichen Warmluftbereich und an ihrer Vorderseite den Vorstoß von Warmluft in den nördlichen Kaltluftbereich. Dringt Kalt­luft gegen Warmluft vor, bezeichnet man die Luftmassengrenze als Kaltfront, dringt Warm­luft gegen Kaltluft vor, so spricht man von einer Warmfront. Wenn eine Kaltfront die vorausge­hende Warmfront einholt, wird die warme Luft von der Erdoberfläche abgehoben. Man be­zeichnet diesen Vorgang, der das Auflösen der Zyklone einleitet, als Okklusion.  
Beim Vordringen einer Warmfront schiebt sich die leichtere Warmluft keilförmig über die schwere Kaltluft. Die flach aufgleitende Warm­luft ist für die zunehmende Schichtbewölkung und den einsetzenden Landregen verantwort­lich. Die Temperaturen steigen, der Luftdruck nimmt ab. Das rasche Vordringen der Kalt­front, begleitet durch böige Winde, bewirkt ein Aufwirbeln der vorliegenden wärmeren Luft­massen (Konvektion). Charakteristisch hierfür ist eine kräftige Quellwolkenbildung (Cumulus) mit Frontgewittern und Schauertätigkeit. Die Temperaturen sinken, der Luftdruck steigt.
Im Fall einer Okklusion sind die Wettererscheinungen weniger intensiv. Der Durchzug eines Tiefs macht sich lediglich durch geringere Quellbewölkung, begleitet von nur einzelnen Schauern, bemerkbar.
Entsprechend dem großen Durchmesser einer Zyklone werden weite Teile Europas gleichermaßen vom Wettergeschehen beeinflusst.

Zyklone Grund- Aufriss

Okklusion1
Entstehung einer Okklusion (Grundriss)

Okklusion2
Entsehung einer Okklusion (Aufriss)


Abbildungen und Erläuterungen zu den Windrichtungen über Hamburg bei Durchzug einer Zyklone:

THH1
Das Tief zieht nördlich an Hamburg vorbei. Die Winde wehen gegen den Uhrzeigersinn parallel zu den Isobaren. Also weht zu diesem Zeitpunkt über Hamburg ein Wind aus Südwest.
THH2
Einige Stunden später ist das Tief weiter nach Osten gezogen und liegt nun mit seinem Zentrum genau nördlich von Hamburg. Demnach weht nun ein Westwind über der Stadt.

THH§
Und nach ein paar weiteren Stunden ist das Tief weiter nach Osten gezogen und liegt nun nordöstlich von Hamburg. Die Windrichtung ist nun Nordwest. Im Wetterbericht wird man vorher gehört haben: "Von Südwest auf Nordwest drehende Winde."

THH4
Ein paar Tage später zieht ein weiteres Tief über Norddeutschland hinweg, dieses Mal genau über Hamburg. Es befindet sich noch genau westlich der Stadt an der Ostküste von England. Es weht dann über Hamburg ein Wind aus südlicher Richtung, der warme Subtropikluft mit sich bringt.
THH5
Das Tief ist über Hamburg hinweggezogen und liegt nun östlich der Stadt. Der Wind hat um 180° gedreht und weht nun aus Nord. Kalte Polarluft wird nun nach Hamburg geleitet und die Temperatur fällt,
THH6
Die große Bedeutung dieser Tiefdruckgebiete liegt darin, dass sie an ihren westlichen Flanken kalte Polarluft weit nach Süden und an ihren östlichen Flanken warme Subtropikluft weit nach Norden verfrachten und somit beide Luftmassen gut durchmischen. So entstehen in den gemäßigten Breiten ständig gemäßigte Temperaturen.

B. Hatje, 06.09.05