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Brief an die Eltern im Auftrag der Lehrerkonferenz vom 04.06.2003 Dieser Text zum Download: pdf-Format (50 KB) rtf-Format (90 KB) Pros & Cons: Weitere Dokumente und Informationen |
Wie Sie bereits letzte Woche durch unsere Schulleiterin Frau Jäger erfahren haben, stehen uns auf Grund von Kürzungen des Bildungsetats einschneidende Änderungen auch am Corvey bevor. Es wird in ganz Hamburg drastische Einsparungen geben: So ist für die ca. 70 Gymnasien nur an 11 Neueinstellungen gedacht. Den Schülern bleiben erneut jüngere Bezugspersonen verwehrt, Referendare werden nach dem Examen in andere Bundesländer abwandern.
Möglich sind diese Einsparungen auch durch ein neues Arbeitszeitmodell, das eine Kommission der Behörde entwickelt hat und das unsere Lehrerarbeitszeit grundsätzlich neu regelt. Dieses Arbeitszeitmodell wird flächendeckend ab August 2003 eingeführt und für 2 Jahre erprobt werden, Erste Ergebnisse werden nach einem Jahr erwartet. Das Arbeitszeitmodell bedeutet für fast alle Lehrer eine Erhöhung der Unterrichtsstundenzahl, im Extremfall (+8 Stunden) eine Erhöhung von 33 %. Wir halten dieses Modell daher für ein Sparmodell, das in dieser Art einzigartig in Deutschland ist.
Da dieses Modell erhebliche Auswirkungen nicht nur auf unsere Arbeit als Lehrer, sondern auch auf Ihre Kinder, die Unterrichtsgestaltung sowie außerunterrichtliche Aktivitäten und damit auf das gesamte schulische Leben hat, wenden wir uns heute als Lehrer unserer Schule an Sie, um Ihnen dieses Modell und die damit verbundenen notwendigen Einschränkungen zu erläutern.
Bisher war für einen Lehrer die Arbeitszeit nur über die zu unterrichtenden Pflichtstunden (am Gymnasium 24) geregelt. Dazu gehörten zahlreiche Dienstverpflichtungen und Tätigkeiten, die zur Erfüllung dieser Unterrichtsverpflichtung gehören, z.B. Vorbereitungen, Korrekturen, Teilnahme an Konferenzen, Zeugnisvorbereitungen, Abiturvorbereitungen und prüfungen, Beratungsgespräche, Elternabende, Präsentation am Jag der offenen Tür u.v.m. Bei den meisten von uns haben diese Tätigkeiten außerhalb der Unterrichtszeit einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit ausgemacht, häufig weit mehr als die Hälfte.
Die Lehrerarbeitszeit soll nach Zeitwerten berechnet werden, die "sämtliche" wahrzunehmenden Aufgaben erfassen. Dabei gibt es ein Jahresarbeitszeitkonto, das die Ferien (wie auch bisher) einrechnet und einen Jahresurlaub von 30 Tagen gewährt. Um eine ausgeglichene Jahresbilanz zu haben, muss auf die Schulwochen eine durchschnittliche Arbeitszeit von 46,5 Zeitstunden entfallen. Es wird empfohlen, bestimmte Arbeiten, z.B. Korrekturen, in die Ferien zu verlagern, um die Wochenarbeitszeit zu entlasten (dies tun wir schon lange). Die Unterrichtsfächer werden nach unterschiedlichen Zeitfaktoren berechnet, da sie sich in Vorbereitungs und Korrekturaufwand voneinander unterscheiden. Auch die Altersstufe wirkt sich aus, da z.B. das Korrigieren einer Oberstufenklausur zeitaufwendiger ist als ein Test in einer 5. Klasse. Jedes Fach bekommt eine "Faktorisierung" in Zeitstunden zugesprochen die den Aufwand beschreiben soll. Eine Englisch Stunde in Klasse 8 wird z.B. mit 1,6 Zeitstunden faktorisiert. Dazu gehören außer der Unterrichtszeit Vor und Nachbereitung, Eltern und Schülergespräche, Klassen und Zeugniskonferenzen sowie Konzeption und Korrektur von Klassenarbeiten bzw. Schülerarbeiten.
Wie gerechnet wurde, soll einmal beispielhaft für das Fach Englisch in einer 8. Klasse, das mit 3 Wochenstunden im Stundenplan steht, gezeigt werden:
| Unterrichtszeit: | 3 x 48 Min. (3 Min. Weg) x 38 Schulwochen | = 5472 Min. | = 91 Zeitstd. |
| Vor u. Nachbereitung: | 3 x 15 Min. x 38 Schulwochen | = 1710 Min. | = 29 Zeitstd. |
| Zeit für Eltern, Schülergespräche, Klassen und Zeugniskonferenz | = 15 Zeitstd. | ||
| 6 Klassenarbeiten (Konzeption 1 Std , Korrektur 5 Std.) 6 x 6 Std. | = 36 Zeitstd. | ||
| Korrektur von Haus bzw. Schülerarbeiten | = 15 Zeitstd. | ||
Das ergibt in der Summe 186 Zeitstunden im Jahr, d.h. 3 stündig, aufgeteilt auf 38 Schulwochen, 1,6 Zeitstunden pro Unterrichtsstunde.
Auch die Funktion eines Klassenlehrers oder allgemeine Aufgaben wie die Teilnahme an Konferenzen werden nun "faktorisiert". Senator Lange begründet diese "Faktorisierung" folgendermaßen:
"Die Faktorisierung möglichst vieler Aufgaben einer Lehrkraft ist daher die Möglichkeit, das Arbeitspensum je nach Schulart, Fach und zusätzlichem Engagement zu erfassen und für die Öffentlichkeit zu belegen. Das hilft bei der Organisation anfallender Aufgaben und schützt den Lehrer vor überzogenen Anforderungen an seine Arbeitskraft etwa seitens der Eltern.
("Das neue Arbeitszeitmodell" der Behörde für Bildung und Sport, S. 9)
Bei der Berechnung der Arbeitszeit spielen ausschließlich Zeitfaktoren eine Rolle, physische oder psychische Faktoren bleiben unberücksichtigt. Dies hat zur Folge, dass Kollegen, die Fächer mit geringem Zeitfaktor unterrichten (z.B. Kunst, Sport), beträchtlich mehr unterrichten müssen, theoretisch bis zu 32 Stunden pro Woche. Das bedeutet von Montag bis Freitag 6 Stunden täglich hintereinander, dazwischen Pausenaufsichten und Materialbeschaffungstätigkeiten, sozusagen Unterricht "am Fließband" von 8 bis 13.30, die Betreuung von ca. 100 150 Schülern am Tag bzw. 350 verschiedenen Schülern in der Woche (bei einem 2 Stundenfach), die alle angemessen wahrgenommen und gerecht bewertet werden wollen. Es lässt sich schon jetzt sehen, dass sich die Kollegen bei dieser Unterrichtsbelastung am Ende ihrer Kräfte sehen, da wie auch Arbeitsmediziner festgestellt haben eine Unterrichtsstunde unter psycho physischem Aspekt in keiner Weise mit der Belastung vieler anderen Tätigkeiten des Lehrerberufs vergleichbar ist. Aber auch Kollegen mit leseintensiven und korrekturintensiven Fächern wie z.B. Deutsch oder Fächern, die immer aus Aktualitätsgründen einen hohen Zeitaufwand für Materialbeschaffung haben wie Gemeinschaftskunde und Erdkunde, oder Fächern, die einen hohen Aufwand für Versuchsvorbereitungen haben (Naturwissenschaften), erfahren keine Unterrichtsentlastung, da die fiktiv angenommenen Zeitwerte viel zu knapp bemessen sind, dem tatsächlichen Aufwand also in keiner Weise entsprechen. Ein erfahrener Schulleiter kommt zu dem Schluss:
"Alle Lehrerinnen und Lehrer werden ab 1. 8.03 mehr Stunden vor der Klasse stehen, sie werden trotz gewisser Anrechnungen .... mehr> zu tun haben, sie werden für die einzelnen Arbeitssegmente weniger Zeit haben als derzeit, die Klassen und Kurse werden größer werden."
Ulrich Mumm, SL am Gymnasium Allee, Hamburg macht Schule, 212003, S. 45)
Neu ist auch, dass jeder Lehrer zusätzlich wöchentlich eine Vertretungsstunde geben muss. Kommt er dabei nicht zum Einsatz, wird ihm diese Stunde auf einem Minuskonto angerechnet, genauso wie Stunden, die nicht gegeben werden können, weil die Klasse z.B. mit einem Lehrer eine Exkursion macht. So sammeln wir Stunden, die addiert werden und nachgearbeitet werden müssen. Unverständlicherweise ist an eine Verrechnung mit einer Gutschrift für erhöhten Aufwand, z.B. bei Klassenreisen, nicht gedacht.
Das neue Arbeitszeitmodell sieht vor, dass wir in größerem Maße als bisher unterrichten. An unserer Schule heißt das konkret: 35 Kollegen unterrichten mehr, 11 Kollegen wie zuvor, nur 3 Kollegen erteilen eine Stunde weniger. Aufgrund dieses höheren Anteils an Unterricht muss an anderer Stelle eingespart werden. Da das Modell "bei Erfolg" langfristig und dauerhaft eingeführt werden soll, sind wir gehalten, es in der Erprobungsphase umzusetzen, d.h. die Zeitfaktoren so einzuhalten, dass wir mit der Zeit auskommen. Die "Auskömmlichkeit" war das leitende Prinzip bei der Entwicklung des Arbeitszeitmodells:
"Die Kommission hat die Arbeitszeit so zu organisieren, dass beispielsweise im Schuljahr 200314 die Jahresarbeitszeit von 13 700 vollbeschäftigten Lehrkräften dazu ausreicht, sämtliche im hamburgischen Schulwesen durch Lehrkräfte zu erledigenden Arbeiten auch wirklich in der zur Verfügung stehenden Zeit aufgabengerecht durchzuführen."
(Bericht der 2. Hamburger Lehrerarbeitzeitkommission vom 17, Februar 2003)
Jede Überschreitung der knapp bemessenen Zeitwerte, z.B. bei einer Korrektur 8 Stunden statt 5 oder bei der Vorbereitung mehrerer Stunden 30 Minuten statt 15 Minuten führt zu Mehrarbeit in beträchtlichem Ausmaß, so dass schnell eine 50 oder gar 60 Stundenwoche erreicht ist. Wir müssen also schneller oder anders korrigieren, auf die Sichtung neuen Materials vielleicht auch verzichten und die Bereiche vernachlässigen, die von der Faktorisierung gar nicht oder nur unzureichend erfasst werden. Das bedeutet nach jetzigern Kenntnisstand z.B. :
Jeder, der ein wenig Einblick in unseren Beruf hat, weiß, dass ein engagierter Pädagoge nicht mit der Stoppuhr arbeiten kann und will. Bisher haben die allermeisten von uns mehr Zeit für außerunterrichtliche Tätigkeiten, aber auch für Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung verwandt als nun vorgesehen. Wir haben dies gern gemacht, weil wir uns des Wertes von individueller Zuwendung, Elterngesprächen, Reisen, Projekttagen, Klassenfesten, Basar, kulturellen Veranstaltungen, AGs für Schüler, aber auch des Wertes konzeptioneller Arbeit (AGs für die Schulentwicklung: z.B. naturwissenschaftliche Projekte in Unter und Mittelstufe, Methodenkompetenz, Eltern-Lehrer-Schüler-Konferenz) bewusst sind. Wir haben dabei nicht auf die Uhr geguckt, auch nicht, wenn wir Fortbildungsangebote in den Ferien oder wie gerade jetzt die PISA Tagung "Literacy" am Wochenende im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung wahrgenommen haben. Wir sind an guter Schule, an Weiterentwicklung und an der Persönlichkeitsentwicklung Ihrer Kinder interessiert, sonst hätten wir einen anderen Beruf ergriffen.
Wir bedauern die erforderlichen Einschränkungen sehr, weil wir befürchten, dass einige zu Qualitätsverlust im Unterricht führen werden, dass viele Bereiche, die das Schulleben bunt und attraktiv machen sowie den sozialen Zusammenhalt fördern, leiden werden. Wir haben uns diese Einschränkungen nicht gewünscht, sie sind uns aufgezwungen worden. Wir hoffen aber sehr, dass Sie uns unterstützen und mit uns überlegen, wie wir weiterhin pädagogisch sinnvoll miteinander zum Wohle "unserer Kinder arbeiten können.
Gesellschaft ist im Wandel, auch über ein neues Lehrerarbeitszeitmodell kann man nachdenken. Sicher ist auch hier manches angesichts sehr veränderter Arbeitsbedingungen nicht mehr zeitgemäß. Wir wissen auch, dass nicht mehr alles, was wir gern hätten, finanzierbar ist. Wir wünschen uns aber eine ehrliche Diskussion im Interesse der heranwachsenden Generation.